Die Welt des Kapitalismus ist aus den Fugen

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Firmen, die Geschichte in der Bundesrepublik geschrieben haben, wie die Modekette Strauss aus Düsseldorf, Märklin aus Göppingen, Max Bahr, Schlecker, Karstadt, Schiesser oder Air Berlin meldeten Insolvenz an. International sind große Konzerne  verschwunden: Texaco, Qimonda oder Lehmann Brothers. General Motors existiert nur noch, weil der US amerikanische Staat ihn gerettet hat. Wenn die Staatsadministration nicht interveniert hätte, gäbe es den zweit größten US Konzern nicht mehr. Selbst ganze Länder sind verschwunden wie z.B. die DDR. Sie konnten alle im Wettbewerb nicht bestehen. So funktioniert der Kapitalismus: Im Wettbewerb zwischen den Marktteilnehmern gewinnt der Wettbewerber, dessen Produktivität hoch ist, dessen Gewinnmarge groß ist oder der einen neuen Markt erschlossen hat und ihn vor dem Wettbewerb bedienen kann. 

Mit dem Sieg des Kapitalismus im kalten Krieg glauben viele, es wäre das überlegene System. Überlegen gegenüber den Sozialismus mag stimmen, weil die Produktivität höher ist, aber es ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Die Entwicklung geht weiter!

Im Kapitalismus gibt es keine Alternativlosigkeit

Mit dem Wegfall des Sozialismus haben die Kritiker des kapitalistischen Systems angeblich keine Alternative mehr. So werden Entscheidungen getroffen, die den großen Konzernen mehr Gewinne sichern und nicht der Gemeinschaft dienen, denn das wäre ja Sozialismus und der ist schlecht, weil er hat verloren. Zu den Entscheidungen gibt es angeblich keine Alternative. Jeder der von Alternativlosigkeit spricht, will entweder die Entwicklung aufhalten, sich ihr entgegen stellen. Ihnen fehlt es an kreativem Denken oder sie haben den Sinn des Wettbewerbs nicht verstanden oder sie wollen keinen Wettbewerb.

Konservative argumentieren „Sozial ist, was Arbeit schafft“ und Konzerne schaffen Arbeitsplätze:

  • Einmal weil sie Arbeiter direkt als Lohnarbeiter anstellen und
  • zweitens weil sie Zulieferbetrieben Aufträge erteilen.

Jeder Kenner des Mittelstandes weiß, daß es Zulieferern z.B. der Automobilindustrie sehr schlecht geht. So werden ihnen von den Abnehmern die Preise diktiert und zwar so, daß ein Gewinn fast unmöglich ist. Es werden die Konten kontrolliert und es werden sehr lange (halbes Jahr und mehr) Zahlungsziele als Bedingung gestellt, die dann noch nicht einmal eingehalten werden. Ich habe bereits erfahren, daß Auftraggeber dem Zulieferer die Produktion fernsteuern.

Was ist daran Wettbewerb?

Was ist Kapitalismus ohne Wettbewerb?

Wir haben wieder ein Feudalsystem – alles hängt vom Wohlwollen einiger weniger ab und denen gehört noch nicht einmal der Konzern. Die Vorstände sind Angestellte. Eigentümer sind Fonds. In Fonds haben Menschen ihr Geld angelegt, um z.B. vorzusorgen. Sie wissen nichts von den Betrieben, den Arbeitern, den Zulieferern. Sie legen dort an, wo der höchste Profit zu erwarten ist. Das Kapital ist entfremdet. Genau dazu soll es keine Alternative geben?

Die Entwicklung geht weiter

Wenn wir uns die Geschichte des Kapitalismus anschauen, dann stellen wir fest, er funktioniert immer dann sehr gut, wenn es einen Mangel gibt. Denn wenn die Menschen nach etwas begehren, dann wird es einen Unternehmer geben, der aus diesem Bedürfnis einen Markt schafft und ihn mit seinen Waren oder Dienstleistungen befriedigt. Heute in einer nahezu gesättigten Welt ist es schwer, einen neuen Markt zu finden. Es werden neue Märkte künstlich geschaffen z.B. durch Werbung, aber auch durch Erpressung insbesondere von denen mit einer hohen Kapitaldeckung – den Konzernen mit dem entfremdeten Kapital.

Kapitalismus funtioniert nur im Zusammenspiel mit dem Privateigentum. Wenn der Unternehmer keinen persönlichen Vorteil hat, der sich zumeist durch die Vermehrung des Eigentums darstellt, dann investiert er nicht. So passiert es schon seit Anbeginn des Kapitalismus, dass Natur und Gemeineigentum privatisiert wird.

Privatisierung ist die Entnahme aus dem Gemeineigentum.

Die Ressourcen werden der Gesellschaft entzogen, um der einzelnen Unternehmung einen Gewinn zu ermöglichen.

  • Nestlé privatisiert das Wasser in Afrika.
  • Die United Fruit Company zerstörte die Böden in Mittelamerika, um Bananen zu produzieren.
  • Große Teile Chiles und Argentiniens sind zerstört, unbewohnbar wegen des Raubbaus an den Bodenschätzen.

usw.

Um auch wehrhaften, weil demokratischen Ländern die Almende entziehen zu können, werden finanzkapitalistische Tricks wie die Spekulationsblase 2008 eingeführt. Einige Banken (in Deutschland vorrangig Landesbanken) und einige Länder wie z.B. Griechenland sind in die Falle getappt. Nun werden ihnen Auflagen erteilt, indem sie große Teile Ihres Wirtschaftsvermögens privatisieren sollen. Dem griechischen Volk wird das Volksvermögen durch die Privatisierung an ausländische Privatgesellschaften entzogen (besser geraubt). Warum wurden in Deutschland Privatbanken wie die Commerzbank, die Deutsche Bank oder die Hypo Real Estate gerettet und die Banken mit dem Kapital für die Länder wie die West LB oder die Sächsische Landesbank nicht?

Schiedsgerichte, wie sie bei TTIP eingeführt werden sollten, haben den Zweck, demokratische Bewegungen, die die Entnahme von gesellschaftlichem Vermögen verhindern wollen, privatgerichtlich zu verhindern. 

Die Welt ist nicht genug

Es ist der große Verdienst der Grünen und aller ihr ideologisch nahestehenden NGOs, dass der Raubbau an der Natur ins Bewusstsein der Menschen gerückt ist. Auch die Armut in den neokolonialistisch ausgebeuteten Ländern ist bewußt geworden. Somit meiden ethisch gebildete Menschen Produkte der Firmen, die als Ursachen für diese Verwerfung identifiziert wurden.

Dadurch, daß Tim Berners Lee die Abstraktionen im Internet in den 1990er Jahren durch die Darstellung als Bilder für Betriebswirtschaftler verständlich aufbereitet hat, entdeckten die Konzerne einen neuen Markt. Anteile von Internet Start Up Unternehmen wurden an der Börse gehandelt, obwohl die Händler nicht verstanden, worum es überhaupt geht, bis die Blase platzte. Viel Geld wurde verbrannt und man wollte doch eigentlich welches machen. So kommt es, daß immer wieder Versuche unternommen werden durch Patente, die Aushebelung der Netzneutralität und andere vom Staat geduldete Versuche, diesen neuen freigeistigen Gedankenraum einzuhegen, denn die Privatisierung ist die Voraussetzung des Kapitalismus. Aus genau dieser Gefahr heraus, daß die Abstraktion, das freie Denken, das Benutzen von frei zugänglichen Quellen privatisiert werden soll, ist die Piratenpartei entstanden. Sie ist also eine genauso mahnende gesellschaftliche Kraft, wie die Grünen nur auf einem anderen Gebiet. Die Piraten wissen um die Gefahren und die Chancen der neuen Technologie. Ihre Grundlage liegt nicht wie in den früheren industriellen Revolutionen auf der Verbrennung, Zerstörung, der Explosion sondern in dem Erschaffen von neuem Wissen, im Umwandeln von Energien mit dem uralten Menschheitstraum – die Befreiung des Menschen von der Arbeit.

Progressive gesellschaftliche Bewegungen führen die Aufklärung, die zum Beginn des Kapitalismus stand, fort. Die kleinteilige Arbeitsteilung, der zunehmende Bildungsgrad der Arbeiter durch die Industrialisierung und die Automatisierung befähigt sie, nach Alternativen zur Zerstörung des Gemeinwesens und der Naturressourcen zu suchen. So werden heute Forderungen an der Teilhabe aller am Gemeinwesen immer lauter. Ursachen von Naturkatastrophen werden erforscht und wenn nachweisbar ist, dass sie Menschen gemacht sind, so werden sie angeprangert. Viele Arbeitnehmer verweigern die Arbeit bzw. nehmen eine Arbeit erst gar nicht an, wenn sie nicht in den von ihnen gewählten Lebenssinn oder ihre Ethik passt. Produkte von unethischen Firmen werden nicht gekauft.

Das ist die aktuelle Revolution!

Die Gesellschaft hat Reichtum genug, dass er zum Wohle aller reichen würde, dank der hohen Produktivität, die der Kapitalismus geschaffen hat. Die Menschen sind in zunehmendem Maß nicht mehr bereit, sich ihrer bzw. aller Gemeineigentümer berauben zu lassen und verweigern damit die Zuarbeit. Ohne die Arbeit der gebildeten Menschen funktioniert die automatisierte Gesellschaft nicht. Die großen, Massenarbeit schaffenden Unternehmungen gehen unter durch die Abschaffung der manuellen Arbeit durch Roboter und die Verweigerung der Arbeiter, die gebraucht werden, um die Maschinen zu entwickeln, zu bauen, zu administrieren. Die Menschen, die sich der Unterordnung verweigern, gründen selbst Unternehmungen (Peergroups). Diese können nur funktionieren, wenn sie untereinander vernetzt sind. Aus der vertikalen Hierarchie wird ein Netzwerk. In der Natur ist das Gebilde des Schaumes stabiler als die Aufeinanderreihung einzelner Elemente. Denn entfällt in einer Hierarchie ein Baustein, stürzt das ganze System zusammen. Platzt eine Blase im Schaum, wird der leere Raum durch die benachbarten Blasen ersetzt. Das ganze System heilt sich selbst. Auf die Gesellschaft übertragen heisst das:

Peer to Peer statt Top Down

Die Fugen, die bisher die Welt gekittet haben, verlieren ihr Bindemittel. An die Stelle des Geldes tritt die Ethik und der Lebenssinn. Die Moleküle werde anders angeordnet. Aus einem vertikalen Pyramidensystem wird ein Netzwerk, ein Schaum – ein naturwissenschaftlich und auch gesellschaftlich stabileres System. Ob das dann noch Kapitalismus heißt, ist Definitionssache der Gesellschaftswissenschaften.

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