Ideologien sind subjektiv und sollten im Widerstreit zur Wahrheit finden

Piratenpartei

Ideologien sind Normen der Denkweise, die durch die Gesellschaft vorgegeben werden. Die Geschichte des Ideologiebegriffs ist eng verknüpft mit der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Ideologie nach heutigem Verständnis wird erst möglich nach dem Verschwinden des göttlichen Bezugspunktes, das sich bereits ankündigt mit dem beginnenden Empirismus. Kant stellt das traditionelle Seinsverständnis mit der in den Widersprüchen und auch in der transzendentalen Dialektik ständig wiederkehrenden Mahnung, das Erkenntnistheorie nicht als Sein misszudeuten, endgültig infrage und schafft somit die Basis für Hegels dialektisches Weltbild, das „nur auf das Subjekt bezogen konzipierbar“ und nur als „eine im historischen Werden sich transformierende Einheitlichkeit“ Gültigkeit beanspruchen konnte. Erst nach Beendigung der französischen Revolution, ergibt es einen Sinn, von bürgerlicher Ideologie oder generell von einem Ideologiebegriff zu sprechen. Den wesentlichen Beitrag zum heutigen Ideologieverständnis dürfte schließlich Karl Marx geleistet haben, der im „Elend der Philosophie“ ausführt: „… dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer materiellen Produktionsweise gestalten, gestalten auch die Prinzipien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen Verhältnissen“. 

Einen festen Zeitpunkt der Entstehung gibt es nicht. Wir könnten beginnen mit der Idolenlehre von Francis Bacon im 16. Jahrhundert. Darin wird beschrieben, daß der Mensch eine subjektive Wahrnehmung hat, die sich von der objektiven Realität unterscheidet. Grundlage dafür sind die unzureichende Wahrnehmung durch

  • unsere Sinnesorgane,
  • durch Vorurteile,
  • Erziehung,
  • Kommunikationsfehler,
  • Traditionen,
  • Autoritäten und
  • Irrlehren.

Man könnte Bacon als einen der ersten Aufklärer bezeichnen. Er wendet sich ab von Vorurteilen hin zu den Naturwissenschaften, die eine Voraussetzung für den Fortschritt sind. Ziel der Aufklärung war die Befreiung des Bewusstseins der Menschen von Falschinformationen, die den mittelalterlichen Machthabern zur Legitimation ihrer Herrschaft dienten.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein in dieser Geschichte war in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Anwendung des Begriffes der Ideologien von Karl Marx und Friedrich Engels in Bezug auf ihre Herrschaftskritik. Als Herrschaft wurden hier die Eigentümer der Produktionsmittel festgelegt und als Beherrschte die besitzlosen Arbeiter. Nach dieser Theorie stehen sich die zwei Klassen als unversöhnlich gegenüber – Klassengesellschaft.

Ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung war die Frankfurter Schule.

Das Hauptwerk der Schule ist das von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gemeinsam verfasste Buch Dialektik der Aufklärung. Die wesentlichen Aussagen sind Kritik an dem Vernunftbegriff der Aufklärung, am Spätkapitalismus und am Faschismus.

Als eine anders gerichtete Ideologie zu den sozialistischen Ideen entwickelte Karl R. Popper den kritischen Rationalismus. Ich vermeide hier den Begriff Gegensatz, weil es in meiner Vektordarstellung nicht die 180° entgegengesetze Richtung ist, sondern eine im Raum um 90° versetzte.

Totalitäre politische Ideologien mit umfassendem Wahrheitsanspruch weisen oftmals Elemente von Mythenbildung, Geschichtsklitterung, Wahrheitsverleugnung und Diskriminierung konkurrierender Vorstellungen auf. Nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus ist die Skepsis gegenüber umfassenden und mit Heilsversprechungen durchsetzten Theoriengebäuden gewachsen, insbesondere wenn sie mit Handlungsaufforderungen oder mit der Unterdrückung abweichender Ideen verbunden sind.

Ideologiekritik im Sinne von Karl Popper umfasst dabei insbesondere die Analyse folgender Punkte:

  • Dogmatisches Behaupten absoluter Wahrheiten
  • Tendenz zur Immunisierung gegen Kritik
  • Vorhandensein von Verschwörungstheorien
  • utopische Harmonieideale
  • die Behauptung von Werturteilen als Tatsachen.

Der Politikwissenschaftler Kurt Lenk schlug eine Klassifizierung der Ideologien vor. Er unterschied zwischen

  • Rechtfertigungsideologien,
  • Komplementärideologien,
  • Verschleierungs- und Ausdrucksideologien.

Unter Rechtfertigungsideologien verstand Lenk modellbildende Ideologien. Das zu Grunde liegende Modell ist meist eine auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit pochende Deutung der Realität. Ideologisch sei ein solches Modell, weil es bestrebt ist, seinerseits ein verbindliches Verständnis von Realität – nicht selten unter dem Anspruch der unangreifbaren Anwendung rationaler Argumente und Argumentationsstrukturen – als einzig vertretbares zu etablieren.

Demgegenüber stehen die Komplementärideologien. Sie würden die benachteiligten Gesellschaftsmitglieder vertrösten. Zum einen beinhalte diese Ideologie eine die Realität verleugnende Verheißung auf einen objektiv unmöglichen besseren Zustand. Diese trostspendende Zukunftserwartung soll die eigenständige Interessendurchsetzung der benachteiligten Gesellschaftsmitglieder lähmen und sie zur Gefolgschaft mit ihren Bedrückern verpflichten. Komplementärideologien arbeiten auch mit dem Bezug zur Ehrlichkeit, wonach der Zustand der Welt Schicksal sei und menschliches Tun daran nichts ändern könne.

Verschleierungs- oder Ablenkungsideologien sind die Erzeugung von Feindbildern, um einer Diskussion über die objektiven Gründe gesellschaftlicher Probleme aus dem Weg zu gehen. Eng angelehnt an diesen Aspekt verwendete er den Begriff Ausdrucksideologie. Darunter verstand er eine Ideologie, die bei den seelisch tieferen Schichten der Menschen ansetze. Es werde ein Freund-Feind-Bild inszeniert und Behauptungen aufgestellt, an die die Massen fanatisch glauben sollen.

Gegenwärtig wird häufig behauptet, daß wir in einer nachideologischen Zeit leben, weil die Ideologien des 20. Jahrhunderts Faschimus und Kommunismus gescheitert sind. Wir würden in einer libralen, demokratischen Grundordnung leben, in der sich gegenseitig kontrolliert wird und die Transparenz in der Politik Fehler aufdeckt.

Mit dieser modernen „Anti-Ideologie“ werden alle gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen  wie technologischer Fortschritt, demokratische Systeme, kapitalistische Gesellschaftsordnung, stetig zunehmendes Wirtschaftswachstum als „wahr und ehrlich“ legitimiert. Die Philosophen Slavoj Žižek und Herbert Schnädelbach weisen jedoch darauf hin, dass solch technokratisches Denken alles andere als nichtideologisch ist. Eine der idealen Grundbedingungen für eine Ideologie sei die Annahme, dass es keine Ideologie gäbe.

Hier könnte eine gefährlichere Ideologie als in den Diktaturen entstehen!

Despoten legitimieren Enteignung, Vertreibung, Gewalt usw. im Bewusstsein ihrer Machtfülle mit offensichtlichen Unwahrheiten. Demgegenüber ist im modernen Pluralismus ein Konsens der gesamten Gesellschaft notwendig. Tatsächlich ideologische Begründungen werden im alltäglichen Diskurs als unumstößliche Wahrheiten akzeptiert und bestimmen somit ohne offensichtlichen Zwang durch die Politik den sozialen Prozess. Je mehr sich die Bürger mit dieser versteckten Ideologie identifizierten, desto weniger braucht der Staat einzugreifen.

Ideenschulen (Thinktanks) können einen ideologischen und abwehrenden Charakter entwickeln und damit den wissenschaftlichen Fortschritt hemmen. Sie legen fest:

  • was beobachtet und überprüft wird
  • die Art der Fragestellungen in Bezug auf ein Thema
  • die Interpretationsrichtung von Ergebnissen der wissenschaftlichen Untersuchung

Auch wenn Naturwissenschaften ideologiefrei sein können, gilt dies nicht unbedingt für Gesellschaftswissenschaften. So finden sich beispielsweise in der Völkerkunde und den Sozialwissenschaften um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert etliche Beispiele für ideologisch geprägte Vorstellungen. Sehr deutlich wird dies bei den sozialdarwinistischen Schulen, die rassistische Ideen mit ihren Aufzeichnungen über angeblich unterentwickelte Völker nährten.

Einen Sonderfall stellt nach Hans Albert das Fach Ökonomie dar. Da die Volkswirtschaftslehre sich u. a. mit der Frage beschäftigt, wie die gesellschaftliche Arbeit möglichst optimal organisiert, gesteuert oder beeinflusst werden kann, muss der einzelne Wissenschaftler auch einen Standpunkt zur Frage haben, was gut für die Gesellschaft ist. Das ist, bedingt durch unterschiedliche Partialinteressen, zwangsläufig immer eine ideologische Position.

Ideologie heute sichert die eingeforderte Legitimation für die bestehende Ordnung und befriedigt das Bedürfnis nach Sicherheit und Sinnhaftigkeit, die durch die Religion nicht mehr gewährleistet werden kann. So wird das zur Zeit Angenehme des Alltags romatisch verklärt, vergegenständlicht und stabilisiert. Damit alles so bleibt, wie es ist. Das somit zum Absoluten dargestellte, erfüllt somit die Funktion, die in den Vorzeiten die Religion übernahm.

Ideologien laufen Gefahr, als geschlossenes Sinnsystem einer komplexen Wirklichkeit letztlich nicht gerecht werden zu können und werden schlussendlich als Welterklärungsmodell scheitern. Sie sind selbstbezogen, das heißt sie definieren sich durch Distanznahme zu einem Anderen, das sie als ‚ideologisch’ ablehnen und denunzieren. Sie lösen den Widerspruch des entfremdeten Wirklichen durch eine Amputation, nicht durch eine Synthese.

Im heutigen politischen Diskurs unserer westlichen Welt werden drei Hauptrichtungen der weltlichen Ideologien in der Öffentlichkeit verwendet:

Gern auch mit ihren extremistischen Auswüchsen in die jeweils entgegengesetzte Richtung:

  • Kommunismus – Faschimus,
  • Freiheit – Sklaverei,
  • Monarchie – Kostruktivismus.

Durch die Betrachtung der Extreme sehe ich, daß Ideologien nicht eindimensional verlaufen, d.h. eine Vereinfachung durch ein Gut-Böse oder eine Links-Rechts-Ausrichtung ist unzureichend. In meinem Ideologienkoordinatensystem habe ich versucht, diese drei Hauptrichtungen dreidimensional darzustellen.Idelogien

Eine unideologische, rein technokratische Politik ist realitätsfremd und wird deshalb von mir nicht weiter verfolgt.

Eine wertfreie Ideologie gibt es nicht. Es sind in erster Linie überholte und überlebte Normen, Denkformen und Weltauslegungsarten, die in diese ideologische Funktion geraten können und vollzogenes Handeln, vorliegendes inneres und äußeres Sein nicht klären, sondern vielmehr verdecken.

Es kommt also darauf an, jedem Menschen die Möglichkeiten zur Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisses zu geben. Damit würde er die Prinzipien, Denkweisen selbst gestalten. Es käme dann zu vielen verschiedenen Ideologien, die im Widerstreit stehen und somit ein sich gegenseitig wiederlegendes oder auch ergänzendes Denkmuster erzeugen, daß mit wachsendem Wissen einem unendlichen Grenzwert, der Wahrheit entgegen strebt.


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